18.08.2026

Slow Tourism: Wenn Entschleunigung zur Chance für den Sportfachhandel wird

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Weniger Tempo, mehr Natur, mehr Regionalität und bewusstere Erlebnisse: Slow Tourism entwickelt sich zu einem relevanten touristischen Trend. Für die Schweiz mit ihren kurzen Distanzen, dem dichten öffentlichen Verkehr und vielfältigen Outdoor-Möglichkeiten sind die Voraussetzungen besonders gut. Davon kann auch der Sportfachhandel profitieren – mit Beratung, Miete, Service und Angeboten, die stärker auf das Erlebnis als auf den reinen Produktverkauf ausgerichtet sind.

Bericht: Peter Bruggmann

Der Tourismus war lange von einem Prinzip geprägt: möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erleben. Slow Tourism setzt einen Gegenpunkt. Nicht die Anzahl besuchter Orte oder Aktivitäten steht im Zentrum, sondern die Qualität des Erlebnisses.

Slow Tourism gilt als bewusstes Reisen, das Natur, Regionalität, Authentizität und Erholung miteinander verbindet. Verschiedene Destinationen sehen darin inzwischen nicht mehr nur ein einzelnes touristisches Angebot, sondern eine grundsätzliche Haltung bei der Entwicklung ihrer Destinationen.

Slow bedeutet nicht inaktiv

Für die Sportartikelbranche ist ein Aspekt besonders interessant: Slow Tourism bedeutet keineswegs, auf Bewegung zu verzichten. Im Gegenteil.

Wandern, Winterwandern, Schneeschuhlaufen, Langlaufen, Velofahren, Golfen, E-Biken oder mehrtägige Trekkingtouren passen hervorragend zu dieser Form des Reisens. Bewegung wird dabei weniger über Leistung, Geschwindigkeit oder zurückgelegte Kilometer definiert. Im Vordergrund stehen Naturerlebnis, Genuss und die bewusste Wahrnehmung einer Region.

Genau darin liegt eine Verbindung zwischen Tourismus und Sportfachhandel.

Zürich setzt unter anderem auf Spaziergänge, E-Bike-Touren und die Kombination von öffentlichem Verkehr und Velo. St.Gallen-Bodensee verbindet Natur-, Kultur- und Veloerlebnisse. Davos Klosters positioniert Winter- und Schneeschuhwandern, Langlauf sowie die Verbindung von Bahnreisen und Wandern als Bestandteile eines bewussteren touristischen Erlebnisses.

Die Schweiz hat ideale Voraussetzungen

Die Schweiz verfügt über eine Infrastruktur, die Slow Tourism begünstigt. Ein dichtes Netz des öffentlichen Verkehrs ermöglicht die Kombination von Bahn, Bus und Bergbahnen mit Outdoor-Aktivitäten. Schweiz Tourismus bezeichnet den öffentlichen Verkehr als besonders nachhaltige Form des Reisens und hebt ausdrücklich die Verbindung von ÖV, Velo und dem Routennetz von SchweizMobil hervor.

Damit entstehen attraktive Möglichkeiten für Tagesausflüge und Kurzferien ebenso wie für mehrtägige Reisen.

Ein Wochenende mit Bahn, Wanderschuhen und leichtem Rucksack, eine Velotour mit Übernachtungen, eine Schneeschuhtour mit regionaler Gastronomie oder einige Tage Langlauf ohne eigenes Auto entsprechen ziemlich genau dem Grundgedanken des Slow Tourism.

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil: Slow Tourism funktioniert nicht nur mit internationalen Gästen. Gerade Menschen aus der Schweiz und den angrenzenden Nahmärkten können Regionen mit kurzen Anreisen intensiver entdecken. St.Gallen-Bodensee Tourismus nennt ausdrücklich aktive Individualreisende, Familien sowie Kultur- und Genussreisende als relevante Zielgruppen.

Vom Produkt zum Erlebnis

Für den Sportfachhandel könnte daraus eine interessante Weiterentwicklung entstehen.

Ein Gast benötigt nicht einfach einen Wanderschuh. Er benötigt den passenden Schuh für eine bestimmte Tour. Er sucht nicht zwingend einen Rucksack, sondern eine Lösung für ein zweitägiges Wandererlebnis. Beim Schneeschuhwandern geht es nicht allein um Schneeschuhe, sondern ebenso um Bekleidung, Stöcke, Sicherheit, Orientierung und Kenntnisse über die Region.

Damit verschiebt sich der Wettbewerb zumindest teilweise vom Produktpreis zur Kompetenz.

Diese Entwicklung passt zu einer grundsätzlichen Herausforderung des Schweizer Sportfachhandels. In einem Markt mit hohem Preis- und Wettbewerbsdruck gewinnen Spezialisierung, Beratung und Service an Bedeutung. Gerade dort kann sich der stationäre Fachhandel gegenüber rein transaktionsorientierten Verkaufskanälen differenzieren.

Fünf Chancen für den Sportfachhandel

1. Beratung als Teil des Ferienerlebnisses

Lokale Sportfachgeschäfte kennen Wetterbedingungen, Wege, Schwierigkeitsgrade und regionale Besonderheiten. Diese Kompetenz kann stärker genutzt werden. Die Beratung beginnt damit nicht erst beim Produkt, sondern bei der geplanten Aktivität.

Aus «Welchen Wanderschuh möchten Sie?» wird beispielsweise «Welche Tour haben Sie geplant?».

Der Händler wird damit vom Verkäufer zum lokalen Outdoor-Kompetenzzentrum.

2. Miete statt Besitz

Slow Tourism und Mietmodelle passen gut zusammen. Gäste möchten eine Aktivität ausprobieren, ohne für jedes Erlebnis eine komplette Ausrüstung zu kaufen.

Neben Ski und Snowboard bieten sich je nach Region Schneeschuhe, Langlaufausrüstungen, Kindertragen, Trekkingausrüstung, E-Bikes, Fahrradzubehör oder weitere Outdoor-Produkte für Miet- und Testmodelle an.

Die steigende Bedeutung der Miete zeigt sich bereits im Schweizer Sportfachhandel. Auch im Sommer gewinnt das Mietgeschäft an Relevanz.

3. Langlebigkeit und Service gewinnen an Bedeutung

Wer bewusster konsumiert, dürfte stärker auf Qualität, Reparierbarkeit und Nutzungsdauer achten. Dies eröffnet Chancen für hochwertige Produkte und Dienstleistungen wie Reparaturen, Pflege, Imprägnierung, Schuhservice oder Ersatzteile.

Das Geschäftsmodell verschiebt sich damit teilweise von «verkaufen und ersetzen» zu «verkaufen, nutzen, pflegen und länger erhalten».

Gerade der Fachhandel verfügt dafür mit Werkstätten, ausgebildeten Mitarbeitenden und persönlicher Beratung über Voraussetzungen, die reine Onlineanbieter nur eingeschränkt abbilden können.

4. Kooperationen mit Tourismusorganisationen

Eine der grössten Chancen dürfte ausserhalb des eigentlichen Ladens liegen.

Sportfachgeschäfte können stärker mit Destinationen, Hotels, Bergbahnen, Tourenanbietern, Transportunternehmen und der regionalen Gastronomie zusammenarbeiten.

Denkbar sind beispielsweise Wander- oder Schneeschuhpackages inklusive Mietmaterial, Gepäcktransport bei mehrtägigen Touren, Testangebote für Hotelgäste, gemeinsame Routenvorschläge oder buchbare Outdoor-Erlebnisse.

Damit wird der Sportfachhandel Teil der touristischen Wertschöpfungskette und nicht erst dann relevant, wenn ein Gast zufällig ein Geschäft betritt.

5. Neue Zielgruppen für Outdoor-Aktivitäten

Slow Tourism spricht nicht ausschliesslich klassische Bergsportler an. Familien, Best Ager, Genussmenschen und Menschen, die Bewegung, Natur und Erholung miteinander verbinden möchten, gehören ebenfalls zur Zielgruppe. Destinationen beobachten zudem ein zunehmendes Interesse jüngerer Generationen an authentischen Naturerlebnissen.

Für den Handel bedeutet dies, Outdoor weniger ausschliesslich über sportliche Leistung zu kommunizieren.

Ein Wanderschuh muss nicht für eine anspruchsvolle Hochtour gekauft werden. Eine gute Regenjacke wird auch beim Genusswandern benötigt. Ein leichter Rucksack funktioniert bei einer Stadtwanderung ebenso wie bei einer Tour im Alpstein.

Dadurch verbreitert sich die potenzielle Kundschaft.

Slow Tourism kann auch die Nebensaison stärken

Besonders interessant ist der Trend für Tourismusregionen, die ihre Abhängigkeit von einzelnen Hauptsaisons reduzieren möchten.

Wandern funktioniert über weite Teile des Jahres. Winterwandern und Schneeschuhlaufen ergänzen den klassischen alpinen Schneesport. Velofahren und E-Biken verlängern die Sommersaison. Auch Urban Hiking und regionale Mikroabenteuer können neue Anlässe für sportliche Aktivitäten schaffen.

Destinationen erweitern entsprechend ihre Angebote im Winterwandern und Schneeschuhlaufen. Ein aktueller Leitfaden von SchweizMobil und den beteiligten Bundesstellen unterstreicht die Bedeutung attraktiver, sicherer und qualitativ hochwertiger Angebote in diesen Bereichen.

Für den Sportfachhandel kann eine breitere touristische Saison gleichzeitig eine gleichmässigere Nachfrage nach Beratung, Miete und Service bedeuten.

Regionalität wird zum Wettbewerbsvorteil

Der interessanteste Aspekt von Slow Tourism liegt möglicherweise in der Regionalität.

Ein internationaler Onlinehändler kann einen Wanderschuh verkaufen. Er weiss aber nicht zwingend, welche Route am nächsten Morgen aufgrund der aktuellen Bedingungen sinnvoll ist, wo Schneefelder liegen, welcher Bus zum Ausgangspunkt fährt oder welche Ausrüstung für die lokale Tour benötigt wird.

Diese Kompetenz besitzt der lokale Sportfachhandel.

Slow Tourism könnte deshalb ein Umfeld schaffen, in dem genau jene Eigenschaften wieder stärker gefragt sind, die den Schweizer Sportfachhandel traditionell auszeichnen: persönliche Beratung, regionale Verankerung, Servicekompetenz und Nähe zum Sport.

Der Sportfachhandel als Teil des Erlebnisses

Slow Tourism ist kein neues Sportsegment und auch keine einzelne Produktkategorie. Der Trend verändert vielmehr die Perspektive auf Freizeit und Reisen.

Für den Schweizer Sportfachhandel liegt die Chance deshalb weniger darin, ein neues «Slow Tourism Sortiment» aufzubauen. Entscheidend ist die Verbindung bestehender Kompetenzen mit Tourismus, Mobilität und regionalen Erlebnissen.

Wandern, Winterwandern, Schneeschuhlaufen, Langlauf, Bike und Outdoor bieten dafür eine breite Grundlage. Beratung, Miete, Reparatur und Service können daraus zusätzliche Wertschöpfung schaffen.

Damit könnte sich auch die Rolle des Sportgeschäfts weiterentwickeln: vom Ort, an dem Sportartikel gekauft werden, zum lokalen Ausgangspunkt für Bewegung und Naturerlebnisse.

Slow Tourism verkauft keine Geschwindigkeit. Für den Sportfachhandel könnte gerade darin eine Chance liegen.