Detailhandel – Stabilisator der Binnenwirtschaft unter Druck
An ihrer Medienkonferenz vom 9. Februar 2026 beleuchtete die SWISS RETAIL FEDERATION gemeinsam mit ihrem wissenschaftlichen Partner BAK Economics die zentrale Rolle des Detailhandels als Stabilisator der Binnenwirtschaft. Die wachsenden Herausforderungen, mit denen die Branche im verschärften Wettbewerbsumfeld konfrontiert ist, zeigen auf, dass sie auf eine wirksame Vertretung ihrer Anliegen angewiesen ist. Politik und Verwaltung sind gefordert, endlich wettbewerbsfreundlichere Rahmenbedingungen für den Detailhandel zu schaffen.
Der Schweizer Detailhandel gehört mit rund 340’000 Beschäftigten zu den wichtigsten Arbeitgebern des Landes. Die Branche wird in der Öffentlichkeit zwar stark über die beiden Grossverteiler wahrgenommen, ist strukturell aber äusserst heterogen.
Von den rund 34’000 Unternehmen im Detailhandel sind etwa 88 bis 90 Prozent Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden. Gemessen an den Vollzeitäquivalenten stellen KMU und Kleinstunternehmen rund die Hälfte der Beschäftigung im Detailhandel. Ausserhalb der beiden Grossverteiler werden rund zwei Drittel des Branchenumsatzes sowie eine Wertschöpfung von 17 Milliarden Franken generiert und rund 220’000 Personen beschäftigt. «Damit hat die Branche selbst ohne die Grossverteiler gerechnet eine höhere volkswirtschaftliche Bedeutung als die Nahrungs- und Genussmittelindustrie oder das Gastgewerbe», betont Michael Grass, Leiter Studien und Analysen bei BAK Economics.
Die Vielfalt im Schweizer Detailhandel braucht eine starke Stimme
Die Präsidentin der SWISS RETAIL FEDERATION, Daniela Schneeberger, hält fest: «Es geht leider häufig vergessen, dass die Schweizer Detailhandelslandschaft stark inhabergeprägt ist – rund 90 % sind Kleinstunternehmen. Viele sind lokal verankert und stärken die Versorgungssicherheit in Städten, Agglomerationen und ländlichen Regionen mit qualitativen Produkten und hochwertigem Service. Es ist mir ein Anliegen, diese Unternehmen zu unterstützen.»
Die SWISS RETAIL FEDERATION vertritt über 2’300 Unternehmen mit rund 6’800 Verkaufsstellen und einem Umsatz von 26 Milliarden Franken und bildet damit die Vielfalt der Branche breit ab. «Vielfalt braucht eine starke Stimme – unsere Mitglieder wollen und brauchen uns als Sprachrohr für ihre Anliegen gegenüber Politik und Behörden», betont Direktorin Dagmar Jenni. «Deshalb konnten wir in den letzten zehn Jahren so stark wachsen und unsere Legitimität um den Faktor 100 erhöhen.»
Kostendruck, Einkaufstourismus und Onlineplattformen verschärfen Wettbewerb
Die Kosten im Schweizer Detailhandel liegen im Durchschnitt rund 50 Prozent höher als in den vier EU-Nachbarländern; Treiber sind insbesondere die teurere Warenbeschaffung, Vorleistungen und Arbeitskosten. Zwar dämpft die tiefere Mehrwertsteuer in der Schweiz den Preisunterschied gegenüber dem Ausland, dennoch bleibt der Spielraum der Unternehmen im Preiswettbewerb sehr begrenzt.
Gleichzeitig verstärken Einkaufstourismus und ausländische Onlineplattformen den Druck auf die Margen: Der Einkaufstourismus verursacht gemäss aktuellen Schätzungen der SWISS RETAIL FEDERATION jährlich Umsatzausfälle von weiterhin über 10 Milliarden Franken. Zudem gewinnen asiatische Online-Marktplätze weiterhin Marktanteile – 68 Prozent der befragten Detailhändler erwarten einen starken bis sehr starken Einfluss dieser Plattformen auf die Branche.
Sorgenbarometer: Preiskampf, Margendruck und Konsumentenstimmung
Das Branchenbarometer 2026 der SWISS RETAIL FEDERATION zeigt, dass drei Viertel der Unternehmen für den Gesamtmarkt lediglich einen durchschnittlichen Geschäftsverlauf erwarten, während die Einschätzung der eigenen Firma etwas positiver ausfällt. Zu den grössten Sorgen gehören Preiskampf und Konkurrenzdruck, Margendruck, eine verhaltene Konsumentenstimmung sowie geopolitische Spannungen und der Fachkräftemangel.
Kleinere Unternehmen fühlen sich besonders stark von asiatischen Online-Marktplätzen bedroht und nennen gesetzliche Regulierungen sowie steigende Kosten als zusätzliche Belastungen. In diesem Umfeld wird der Spielraum für Investitionen, Innovation und Löhne zunehmend enger.
Forderung: Gleich lange Spiesse und Verzicht auf zusätzliche Belastungen
Angesichts der hohen Kostenstruktur und des intensiven Wettbewerbs fordert Dagmar Jenni: «Wer die Binnenwirtschaft stärken will, darf den Detailhandel nicht zusätzlich belasten oder den Konsum in der Schweiz über Mehrwertsteuer oder Erhöhung der Lohnnebenkosten verteuern.» Sie betont, dass weniger Kostentreiber wie «Swiss-Finish-Regulierungen» und mehr Wettbewerbsfairness notwendig sind, unter anderem gleich lange Spiesse für alle Anbieter auf dem Schweizer Markt.
Patrick Erny, der stellvertretende Direktor und angehende Nachfolger von Dagmar Jenni, erläutert anhand von konkreten Beispielen, wie Kosten abgedämpft oder vermieden werden können. «Es gibt zahlreiche ungenutzte Möglichkeiten, den Detailhandel zu entlasten. Die Politik und Verwaltung müssen nur handeln. Zum Beispiel in Form einer systematischen Überprüfung von kostentreibenden Sonderregelungen sowie strukturellen Reformen und Sparmassnahmen zur Sicherung der Sozialwerke.»