23.02.2021

Auf dem Weg in die Moderne – VERKAUF 2022+

Bericht aus der Schweizerischen Gewerbezeitung von Corinne Remund und Rolf Marti

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt – und damit die Berufsbildung. Das spüren zwei der grössten Berufsfelder besonders stark: der Detailhandel und der kaufmännische Sektor. Einkaufen ist heute oft ein «crossmediales» Erlebnis. Die Kundinnen und Kunden orientieren sich im Internet und kaufen im Laden, oder sie bestellen im Internet und holen die Waren am Pick-up-Point ab. «Detailhandelsfachleute brauchen daher neue Kompetenzen. Sie müssen digital fit sein, aber auch kreativ, um im Laden attraktive Einkaufserlebnisse zu schaffen», weiss Sven Sievi, Geschäftsführer Bildung Detailhandel Schweiz (BDS).

«JUNGE BERUFSLEUTE MÜSSEN LERNEN, SICH SELBSTSTÄNDIG NEUES WISSEN ANZUEIGNEN.» ROLAND HOHL, GESCHÄFTSLEITER IGKG SCHWEIZ

Auch der Büroalltag hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Kaufleute handeln heute in agilen Arbeits- und Organisationsformen, interagieren in einem vernetzten Umfeld und arbeiten mit neuen Technologien. Das setzt technische Fertigkeiten, eine digitale Denkweise, kritisches Hinterfragen, Kreativität sowie Sozial- und Selbstkompetenz voraus. Doch egal ob Detailhandelsfachmann oder Kauffrau: Junge Berufsleute müssen insbesondere auch dazu befähigt werden, mit den Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft umzugehen.

Fit für den Wandel werden

Die Förderung überfachlicher Kompetenzen ist deshalb ein zentraler Bestandteil der Reformen in den vier beruflichen Grundbildungen «Detailhandelsfachfrau/-mann EFZ», «Detailhandelsassistent/-in EBA», «Kauffrau/-mann EFZ» und «Büroassistent/-in EBA». Dazu Roland Hohl, Geschäftsleiter der Interessengemeinschaft Kaufmännische Grundbildung (IGKG) Schweiz: «Junge Berufsleute müssen lernen, ihr Erfahrungswissen in immer neue Situationen zu übertragen und sich selbstständig neues Wissen anzueignen.» Weitere zentrale Bestandteile der Reformen sind die konsequente Umsetzung der Handlungskompetenzorientierung in Verbindung mit einer ganzheitlichen Lernortkooperation.

Im Klartext bedeutet dies: Wissen und Fertigkeiten werden an allen Lernorten im Rahmen konkreter Anwendungssituationen vermittelt. Was auf den ersten Blick banal erscheint, hat nachhaltige Auswirkungen auf die Berufsfachschulen und die überbetrieblichen Kurse. Sie müssen ihre didaktischen Konzepte umstellen. An den Berufsfachschulen wird es zum Beispiel keine Fächer mehr geben.

«DETAILHANDELS-FACHLEUTE BRAUCHEN NEUE KOMPETENZEN UND MÜSSEN DIGITAL FIT SEIN.» SVEN SIEVI, GESCHÄFTSFÜHRER BDS SCHWEIZ

Wirtschaft, Sprachen usw. werden in praxisnahen Aufgabenstellungen vermittelt. Joe Purtschert, Rigi-Sport AG, zuständig für die Aus-/Weiterbildung des Sporthändlerverbands, Mitglied Kernteam Verkauf 2022+, konkretisiert: «Die beiden Megatrends ‹Kundennutzenorientierung› und ‹Digitalisierung› werden in den Schwerpunkten ‹Gestalten von Einkaufserlebnissen› und ‹Betreuen von Onlineshops› abgebildet. Die Betriebe haben die Wahl, in welchem Schwerpunkt sie ausbilden wollen.»

«DIE KAUFMÄNNISCHE BERUFSLEHRE WIRD SO NOCH MEHR AN DER BERUFSPRAXIS AUSGERICHTET, UND KÜNFTIGE FACHKRÄFTE WERDEN AUF DIE DIGITALE ARBEITSWELT VORBEREITET.» DANIELA SCHNEEBERGER, NATIONALRÄTIN (FDP/BL) UND SGV-VIZEPRÄSIDENTIN

Dieser Paradigmenwechsel soll verhindern, dass die Lernenden träges Wissen erwerben, das sie im Alltag nicht anwenden können. Wie wichtig das ist, streicht auch Michel Fischer, Geschäftsführer Organisation kaufmännische Grundbildung (OKGT), Branche Treuhand/Immobilien, hervor: «Der Fachkräftemangel ist eine der grossen Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Wir haben mit ‹Kaufleute 2022› die Möglichkeit, die kaufmännische Grundbildung so zu gestalten, dass sie einerseits den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts gerecht wird, andererseits spannend und herausfordernd für die Lernenden bleibt. Gelingt uns das, wird es für die Betriebe auch in Zukunft attraktiv sein, Lernende auszubilden und für den eigenen Branchennachwuchs zu sorgen.» Und Nationalrätin (FDP/BL), Präsidentin Treuhand Suisse sowie sgv-Vizepräsidentin Daniela Schneeberger doppelt nach: «Mit ‹Kaufleute 2022› haben wir die Chance, die kaufmännische Berufslehre noch mehr an der Berufspraxis auszu­richten und unsere zukünftigen Fachkräfte auf die zunehmend digitale Arbeitswelt vorzubereiten.»

Attraktiver und wettbewerbsfähiger werden

Die Reformen sollen auf Lehrbeginn 2022 in Kraft treten, die Arbeiten dazu laufen seit 2018. Sie basieren auf umfassenden Berufsfeldanalysen. Ziel ist, die Berufe attraktiver und wettbewerbsfähiger zu machen. Dazu gehört, dass die Umsetzungsinstrumente für die Lehrbetriebe konsequent unter den Aspekten der Ausbildungsbereitschaft und der Lehrstellenförderung entwickelt werden. Das gute Kosten-Nutzen-Verhältnis wird beibehalten, die betriebliche Ausbildungskompetenz gestärkt. Da es zwischen dem Detailhandel und dem kaufmännischen Sektor zahlreiche Überschneidungen gibt – insbesondere bei den Berufsfachschulen – haben Bund, Kantone und die Organisationen der Arbeitswelt OdA ein nationales Koordinationsgremium (NKG) für die Umsetzungsphase geschaffen. Es fördert die Kooperation zwischen den Lernorten und stellt den Dialog mit allen Partnern sicher. Das ermöglicht eine nachhaltige Umsetzung der Reformen, was Lehrbetrieben und Lernenden zugutekommt.